Interconnected Gestures

Vanessa Disler, Mara Kirchberg, Ioanna Mitza, Thai May Nguyen, Indrė Rybakovaitė & Marina Stanimirović



ERÖFFNUNG
8. Mai 2026, 18 – 22 Uhr


LAUFZEIT
9. Mai – 28. Juni 2026


GEÖFFNET
Samstags, 15 – 19 Uhr und auf Anfrage


Wie kann ein Ort durch künstlerische Praxis verstanden werden? Interconnected Gestures vereint sechs Künstlerinnen, die in ihren Werken erkunden, wie Räume wahrgenommen, interpretiert und bewohnt werden. Die Ausstellung untersucht, wie Künstlerinnen durch Materialien, alltägliche Rhythmen und Geschichten mit Orten in Beziehung treten. Anstatt große Narrative oder abgeschlossene Formen in den Vordergrund zu stellen, richtet die Schau ihre Aufmerksamkeit auf das, was sich stets im Prozess befindet – Räume und Systeme, die leise summen: ein schwebender Gurt, der die Sprache von Halt und Gewicht trägt, ein geliehenes Gerüstrohr, vorübergehend dem Gebrauch entzogen, eine Glaskonstruktion, noch offen für neue Anordnungen, ein gemalter Himmel, unterbrochen von zitternden Linien, ein leerer digitaler Korridor, gefangen in Wiederholung, und ein fernes Radioteleskop, das die Atmosphäre eines früheren politischen Systems in sich trägt.

Die Künstlerinnen kommen aus unterschiedlichen Hintergründen, visuellen Kontexten und Praxen, teilen jedoch eine Aufmerksamkeit dafür, was Orte in sich tragen und preisgeben. Durch ihre Werke treten übersehene Bereiche, Spuren und Verbindungsformen in den Vordergrund. Neue ortsspezifische Arbeiten von Mara Kirchberg, Ioanna Mitza und Marina Stanimirović akzentuieren diesen Rahmen verborgener Infrastrukturen, indem sie die Umgebung von Weißensee als Ausgangspunkt für weiterführende Reflexionen nehmen. Werke von Vanessa Disler, Indrė Rybakovaitė und Thai May Nguyen erweitern diese Ansätze durch malerische, architektonische und historische Zugänge.

Ioanna Mitza untersucht die Schnittstelle zwischen persönlichen und öffentlichen Erfahrungen im städtischen Raum. Ihre Praxis konzentriert sich auf kollektive Umgebungen, die durch Arbeit, Infrastruktur und visuelle Leitsysteme geprägt sind, mit besonderem Fokus auf Baustellen.

Für diese Ausstellung baut Mitza eine ortsspezifische Installation aus verzinkten Stahlrohren, die von aktiven Baustellen in der Nähe des Projektraums Neun Kelche ausgeliehen wurden. Vorübergehend aus ihrem funktionalen Kontext herausgelöst, werden die Materialien zu einem skulpturalen Gebilde umsor-tiert, bevor sie zu ihrer eigentlichen Verwendung zurückkehren. Eine Schleife aus reflektierendem Stoff und ein verhülltes Straßenschild verschieben die Sprache von Sicherheit und Bau: Materialien, die dazu dienen, zu leiten, zu schützen oder zu warnen, werden dekorativ, haptisch und persönlich. Die Kompositionen lassen sich von der visuellen Sprache der Baustellen inspirieren sowie von der Kreativität und Handwerkskunst der Arbeiter*innen, deren Arbeit hinter Funktionalität und robustem Material oft verborgen bleibt.



Mara Kirchberg ist eine bildende Künstlerin, deren Installationen sich häufig mit den verborgenen Innen-welten von Körpern und Maschinen beschäftigen und die Systeme enthüllen, die sie zugleich stützen und belasten. Mit industriellen Materialien konstruiert sie hybride Systeme, die durch Berührung, Verletzlich-keit und Bindung geprägt sind.
Kirchbergs Installation Load Capacity — 1150kg dreht sich um ein gewebtes Radnetz. Von der Decke hängend, bildet es eine wippen-ähnliche Struktur, die jedoch knapp außer Reichweite bleibt. Das Werk besteht aus Hebegurten, die in der Logistik und im Bauwesen zur Sicherung schwerer Lasten eingesetzt werden. Es überführt ein industrielles Vokabular von Spannung, Rückhalt und Traglast in einen intimen Bereich. Die Gurte reichen bis zum Boden, wo ihre aufgenähten Etiketten – normalerweise für Sicherheitshinweise und technische Spezifikationen genutzt – einen von der Künstlerin verfassten Text tragen.

Marina Stanimirović ist eine in Berlin lebende Multimediakünstlerin, deren Installationen Skulptur, Fotografie und gefundene Materialien zu vielschichtigen Kompositionen zusammenführen. Sie arbeitet mit gefundenen und hergestellten Objekten und verlagert alltägliche Materialien aus ihren gewohnten Funktionen heraus. Sie fügt sie zu fragilen oder dysfunktionalen Konfigurationen zusammen, die sich zwischen Vertrautheit und Fremdheit, Intimität und gemeinschaftlicher Erfahrung bewegen.

Für diese Ausstellung zeigt Stanimirović eine Installation aus geschnittenen Glasplatten, Fotografien und gefundenen Materialien. Die Glaselemente sind zu lockeren, prekären Anordnungen verbunden, die an Fragmente temporärer Umhüllungen, Wände oder Fenster erinnern. Ihre Oberflächen tragen sichtbare Produktionsspuren – Farbe, abgeschabte Stellen, Markierungen und partielle Opazität –, während Fotografien und Objekte um sie herum wie Spuren eines persönlichen Archivs angeordnet sind. Die Arbeit reflektiert die fragilen Rahmen, durch die private und soziale Strukturen organisiert werden: Häuser, Routinen, Erinnerungen, ererbte Gegenstände und soziale Stützen. Indem sie den materiellen Prozess sichtbar lässt, behandelt Stanimirović den Akt der Konstruktion als Teil der Erzählung des Werkes.




Vanessa Disler ist eine in Berlin lebende Malerin und Bildhauerin, deren Praxis sich zwischen Abstraktion und Figuration bewegt. Ihre großformatigen Leinwände und Skulpturen erkunden die durchlässigen Grenzen zwischen privater Erinnerung und gemeinsamer Erfahrung, zwischen Innenleben und den äußeren Formen, die es umgeben. Dislers Atelier befindet sich im selben Gebäude wie der Projektraum Neun Kelche, und Here on Earth entsteht aus einer künstlerischen Praxis, die durch die unmittelbare Umgebung von Weißensee geprägt ist. In dem Gemälde lassen sanfte, weitschwingende Formen und linierte Unterbrechungen etwas sowohl Intimes als auch Einengendes erahnen. Es evoziert zerknitterte Bettlaken, Stofffalten oder Spuren, die ein ruhender Körper hinterlässt. Gleichzeitig erinnern seine gitterartigen Linien an Barrieren, Maschendrahtzäune, die weich und fließend wiedergegeben sind. Was zunächst häuslich und persönlich erscheint, beginnt sich zur visuellen Sprache der Stadt hin zu verschieben: ihren Teilungen, Rändern und Einschließungen.

Thai May Nguyen ist eine in Berlin lebende bildende Künstlerin, die mit Zeichnung und Video arbeitet. In ihrer Einzelkanal-Videoinstallation Dead Spaces wendet sie ihre Aufmerksamkeit vernachlässigten städtischen Bereichen zu. In einem stummen Videoloop konstruiert sie vage virtuelle Umgebungen, in denen einsame, comichafte Figuren durch verlassene Passagen, abgezäunte Ecken und leere, wie ein Einkaufszentrum anmutende Innenräume treiben. Ihre repetitive Bewegung verleiht der Arbeit eine schwebende, traumhafte Qualität, als wären die Räume zwischen Erinnerung, Verfall und Simulation gefangen.

Indrė Rybakovaitė ist eine Malerin, deren Praxis in Psychogeographie, Raumgedächtnis und dem emotionalen Nachleben von Orten verwurzelt ist. Durch Feldrecherche und weitere Erkundungen zieht es sie zu Orten, die von historischen Brüchen und stiller Transformation geprägt sind; sie übersetzt räumliche Erfahrungen in Gemälde, die sich eher über Atmosphäre als über spezifische Ereignisse entfalten.

In Radio Telescope in Irbene stellt Rybakovaitė den ehemaligen sowjetischen Radiogeheimdienstkom-plex in Irbene, Lettland, dar: ein Standort, der in der Sowjetzeit als geheimes militärisches Kommunikati-onszentrum gegründet und später in ein wissenschaftliches Observatorium umgewandelt wurde, während große Teile der umliegenden Siedlung in Ruinen verblieben. Vor dichten Wolken und einer dumpfen, gedämpften Landschaft wirkt das Teleskop zugleich monumental und isoliert. Das Gemälde nähert sich dem Ort nicht als dokumentarischer Tatsache, sondern als psychologischer Landschaft – gehalten zwischen vergangener und gegenwärtiger Funktion, fern und leise bedrohlich.

Kuration und Text: Neda Naujokaitė





FINISSAGE
26. Juni 2026, 19 Uhr Performance von Monica Mussungo


FOTOGRAFIE
Dorothea Dittrich, VG Bildkunst 2026